Bertram Kainzner – Polarisationstalent

Bertram Kainzer

Wien, Neubaugasse 28. Ich bin zu einem Interview mit Bertram K. angereist. Ein Frisör, dem Namedropping und Mittelmäßigkeit zuwider sind und der lieber der Frau Maier aus dem 10. Bezirk die Haare frisiert als einem österreichischen D-Promi. Klingt nach einem spannenden Interview? Ist es auch.

Berufswunsch Frisör – Kindertraum oder Zufall?

Naja, eigentlich wollte ich Fotograf werden. Ich wollte auf jeden Fall einen kommunikativen Beruf ausüben. Mir wurde nämlich bereits in jungen Jahren immer wieder gesagt, dass ich so ein sonniges Gemüt habe und sehr gut im Kommunizieren bin. Dann wollte ich unbedingt etwas machen, das mit Leuten zu tun hat und kreativ ist. Darum habe ich mich an der Graphischen beworben, der technischen Bundeslehranstalt für Fotografie. Da war ich der Jüngste, der jemals einen Aufnahmetest gemacht hat.

Wie alt warst du da?

14. Und ich wurde sogar aufgenommen, aber ich hätte noch zwei Jahre warten müssen um dort zu beginnen… In der Zwischenzeit bin ich aber durch einen guten Freund zum Beruf Frisör gekommen. Und das habe ich ehrlich gesagt nie bereut. Ich mache das mittlerweile seit 26 Jahren und gehöre wohl zu dem kleinen Prozentsatz, die einen Job ausüben, der ihnen Spaß macht.

Du wolltest den Beruf also nie aufgeben?

Naja, da gab es schon so eine Phase. Ich hatte immer sehr lange Arbeitszeiten und nebenbei die Berufsschule und wenn meine Freunde Samstag Nachmittag im Bad waren, war ich im Salon arbeiten… Der Wendepunkt war ein Seminar von Werner Grecht. Er hat mich so fasziniert, dass ich mir gesagt habe, entweder ich arbeite für ihn oder ich lass den Job bleiben.

Was hat dich an Werner Grecht so fasziniert?

Was ich bis dato noch nicht erkannt hatte war, dass man als Frisör auch sehr kreativ arbeiten kann. Er vermittelte mir diesen künstlerischen Zugang. Er war auch der erste Frisör den ich kennenlernte, der einen gewissen Intellekt und Kunstverständnis besaß. Außerdem war er Teil einer kreativen Szene, wo auch Maler und Musiker dabei waren. Eine spannende Sache.

Bei ihm habe ich dann 2,5 Jahre gearbeitet und dann hatte ich mein nächstes „Aha-Erlebnis“.  Ich hab’ Toni und Guy in Wien gesehen und mir gedacht: Okay, London ist jetzt der nächste Step. London war damals das Mekka der Frisöre und ich wollte ohnehin ins Ausland gehen.

Du hast dann also in London für Toni und Guy gearbeitet?

Ja genau, von 1993 bis 2000. Dort hab ich mich dann relativ schnell nach oben gearbeitet, weil die Firma damals stark expandiert und auf der ganzen Welt Filialen eröffnet hat. Ich war in der Ausbildung tätig und bin dadurch viel herumgekommen. Zumindest 2-3 mal im Monat bin ich im Flieger gesessen. Im Prinzip hab ich dort gemacht was ich jetzt auch mache, nur nicht in meinem eigenen Namen sondern eben unter dem Deckmantel der Firma.

Und denkst du, es war ein wichtiger Schritt ins Ausland zu gehen?

Definitiv. Aber nicht nur für meine Karriere, sondern auch für meine Persönlichkeitsbildung. Ich komme aus einem behüteten Elternhaus (Anmerkung: Er fügt salopp hinzu: Ist aber nicht gleichzusetzen mit „gstopft“). Mir hat in meinem Leben nie jemand etwas geschenkt, hinter meinem Erfolg steckt harte Arbeit. Die wohl wichtigste Komponente vom „ins Ausland gehen“ war es also auf eigenen Beinen zu stehen, sich zu überlegen: Kauf ich mir jetzt was zum Essen oder ein Packung Zigaretten. Und das war so am Anfang, weil ich sämtliche finanzielle Unterstützung von meinen Eltern abgelehnt habe.

Bei uns in Österreich funktioniert ja irgendwie alles mit Vitamin B, im Ausland bist du komplett auf dich allein gestellt. Wenn du dort Erfolg hast, weißt du, das hast du zu 100 Prozent dir selbst zu verdanken. So gewinnt man enorm an Selbstvertrauen.

Model gestylt von Betram KModel gestylt von Betram K

Mhm okay, was war denn dein größter Erfolg?

Schau her, es ist so, ich hab in dem Beruf ziemlich schnell viel mehr erreicht als ich mir jemals erträumt hätte. Und dann ist das irgendwie ein Selbstläufer. Wenn du ein strebsamer Mensch bist, dann willst du ja immer die nächste Stufe erreichen. Und eigentlich hab ich alles in meinem Leben erreicht was ich erreichen möchte. Ich bin seit sieben Jahren der meistgebuchte L’Oréal-Akteur weltweit und habe international einen sehr guten Ruf; bin bekannter als hier in Österreich – was mir auch recht ist. Aber natürlich gibt es Knackpunkte. Ein Beispiel? Als ich zum ersten Mal die Deutsche Friseurweltmeisterschaft für 9000 Zuschauer moderiert habe.

Denkst du, du hast manchmal auch einfach Glück gehabt?

Ich denke, dass ich immenses Glück hatte in meinem Leben. Aber ich hab genauso Tiefschläge einstecken müssen. Mein Vater und meine Frau sind beide an Krebs gestorben. Ich glaube, dass ich ein sehr ausgewogenes Maß an Glück und Pech erlebt habe. Wobei ich der Meinung bin, dass es immer die schweren Zeiten sind, die dich prägen. Aber glücklichweise habe ich auch die Gabe über schwierige Phasen hinweg zu kommen.

Wie machst du das?

Ich stürze mich in die Arbeit. Ich bin ziemlich gut darin Gedanken bewusst zur Seite zu rücken und mich zu einem anderen Zeitpunkt darum zu kümmern. Und ich habe auch erkannt, dass sich viele Dinge einfach von selbst lösen.

Hast du auch Schwächen?

Ich bin ein „gaches Häferl“ (Anmerkung: wienerisch), neige dazu überzureagieren…

Das kommt wahrscheinlich nicht so gut an?

Nein, eher nicht.

Entschuldigst du dich dann?

Ja, die Größe hab ich schon. Also ich reiß Leuten im ersten Moment gern den Schädel ab, den versuch ich dann aber nachher sehr behutsam wieder anzukleben.

Ich bin mir aber sicher, dass diese Impulsivität auch ein Grund für meinen Erfolg ist. Weil wenn du so ein lascher, dahinschlurfender Mensch bist, dann kannst du Leute weder mitreißen noch kannst du was bewegen. Ich bin halt sehr polarisierend.

Dir ist es also sicher lieber jemand hat eine Meinung zu dir als nicht, oder?

Ja. Das ist sowieso so eine Sache. Wenn du permanent in der Öffentlichkeit stehst und dich präsentierst, dann finden das natürlich manche toll und andere finden es sch*****. Und das ist jetzt vielleicht etwas schwer zu verstehen, aber ich schätze beide Gruppen gleichermaßen. Nur die Leute, die keine Meinung haben und alles nur ok finden, die gehen mir am Allerwertesten vorbei. Weil das ist die graue Masse und die pack ich nicht.

Ich mache meine Arbeit auch nicht in erster Linie um viel Geld zu verdienen. Du kannst es mit Künstlern jeglicher Art vergleichen. Die werden dir auch keine Antwort geben können auf die Frage wieso sie das machen was sie machen. Sie werden dir antworten, dass sie gar nicht anders können, ein inneres Bedürfnis befriedigen müssen. Nun kannst du natürlich die Frage stellen, was ich befriedigen muss, wenn ich regelmäßig vor ein paar tausend Leuten die Haare frisiere…

Ja, stimmt. Das ist eine spannende Frage, die hätte mir einfallen sollen – also, was befriedigst du damit, was gibt dir das? (lacht)

Was es mir gibt? Pass auf. Das ist ziemlich intim. Mir ist es nämlich unangenehm, wenn die Leute klatschen, ich mach es also nicht wegen der Anerkennung…

Also wieso dann?

Ich liebe es Haare zu frisieren und teile das für mein Leben gerne. Wie viele Leute gibt es, die etwas machen was sie wirklich lieben und dann auch noch das Glück haben, dass es Leute gibt die einem dabei zuschauen wollen? Da krieg ich beim Gedanken schon Gänsehaut. Was willst du sonst noch erreichen im Leben?